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Des Seemanns untreue Braut…

Mal ehrlich – mal ist sie da, dann ist sie weg – und eh man sich versieht, ist sie auch schon wieder da: Ab und an stellt uns die Nordsee – jener gewaltige Teich, dem Norddeich sein reizendes Klima verdankt – gehörig auf die Probe, wenn wir mal wieder nichtsahnend und erwartungsvoll die Stufen des Deiches hinaufstapfen. Oder ist es gerade diese Ungewissheit, die der Nordsee ihren besonderen Reiz gibt? Die Ungewissheit, ob uns rauschende Wellen oder aber ebend doch die faszinierenden Welten von Watt und Wattwurm auf der anderen Seite erwarten?

Natürlich könnten wir uns auch vorab über die Situation jenseits des mächtigen grünen Schutzwalles erkundigen – zB. direkt bei der Kurverwaltung am Dörper Weg. Oder man erinnert sich an die Erfahrungen der vergangenen Tage und rechnet sich bereits in der willkommenen Gesellschaft von duftenden Brötchen und dampfendem Morgenkaffee aus, was das Meer heute zu welcher Stunde für Erlebnisse für einen parat hält.

Doch woher kommt eigentlich dieses untreue Gemüt, welches die vielbesungene, unbestrittene, heiß-kalt geliebte Braut aller Seemänner gerade an der Niedersächsischen Küste nur all zu regelmäßig an den Tag legt? Diese Frage treibt nicht nur täglich zahlreiche Besucher um, die in Norddeich zwischen Deich und Dünen nach Erholung lechzen. Schon in der Antike orakelte man, der Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser hänge mit einer Anziehungskraft zusammen, die zwischen dem Mond und dem Meer bestehe. Später wurde das Phänomen mal auf die Erdbewegung, dann wieder auf die Bewegung der verschiedenen Planeten zurückgeführt. Licht ins Dunkel brachte schließlich der Apfel-Liebhaber und Ausnahme-Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts, Isaac Newton, der das treulose Gebaren des Meeres nicht aus der Zentrifugalkraft heraus herleitete, sondern mit den Anziehungskräften von Sonne und Mond zu erklären versuchte.

Die Rotation um den gemeinsamen Schwerpunkt von Erde und Mond – von Newton Baryzentrum genannt -bewirkt nicht nur, dass der blaue Planet und sein Trabant nicht angesichts ihrer Anziehungskräfte hemmungslos aufeinanderprallen. Die aus der Bewegung resultierende, konstant große Fliehkraft ist im Zusammenspiel mit der dagegen wirkenden Anziehungskraft des Mondes auch dafür verantwortlich, ob uns auf der anderen Seite des Deiches Wasser oder Watt begegnet. Denn die Differenz der beiden Kräfte, Gezeitenkraft genannt, ist dort, wo die Erde dem Mond zugewandt ist, am größten und erzeugt so schließlich einen Flutberg (Ein solcher entsteht übrigens auch auf der mondabgewandten Seite der Erde, da die Gezeitenkraft an den beiden gegenüberliegenden Stellen, welche von der durch die Schwerpunkte von Erde und Mond gehenden Linie berührt werden, am größten ist). Da sich die Erde unter diesen beiden Flutbergen fortwährend dreht, haben wir an der selben Stelle im Watt vor Norddeich mal nasse und mal matschige Füße. Dass dieses beeindruckende Naturhänomen gerade in Ostfriesland so wunderbar zu beobachten ist, liegt wiederum an der besonderen Form der Küste.

Euch raucht nach soviel grauer Theorie nun gewaltig der Kopf? Ihr wollt mehr erfahren über Ebbe und Flut und wie sich Tier und Pflanzenwelt auf dieses Spektakel eingestellt haben? Dann erlebt das Naturschauspiel doch am besten am eigenen Leibe – zum Beispiel in der Seehundstation Nationalparkhaus in Norddeich. Oder aber bei einer der zahlreichen Expeditionen mit den geprüften Norddeicher Wattführern.

Eines ist auf jeden Fall gewiss: Nach Flut kommt Ebbe. Und nach Ebbe die Flut!

1 Kommentar

  • Manchmal geh ich nur über den Deich, um ehm zu gucken, ob das Wasser noch da ist 😉