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Gipfelsturm im flachen Land

Hoch hinaus in Ostfriesland: das klingt beim ersten Hören nach einem besonders dicken Knäuel Seemannsgarn – fein säuberlich vertaut zwischen dem Ausspruch „Ist eh alles platt bei Euch!“ und dem gern zitierten Klischee, der Ostfriese sehe doch morgens schon, wer am Abend denn zum Essen komme. Und tatsächlich: Traditionell betonen die klassischen ostfriesischen Sportarten wie Boßeln oder Klootschießen eher eine waagerechte denn eine senkrechte Form der Fortbewegung. Doch der Winter, in dem die Boßler bei uns besonders gern unterwegs sind, ist zum Glück vorbei. Zeit also, auch als (eingewanderter) Ostfriese einmal auf dumme Gedanken zu kommen. Klettern in Ostfriesland? Warum nicht?

Mein Projekt – neudeutsch Challenge genannt- beginnt dort, wo früher einmal Soldaten der Bundeswehr nach dem Dienst eine ruhige Kugel schieben gingen: im Ostfrieslandhaus in Aurich, ehemals beliebte Freizeitstätte für Landesverteidiger und derzeit auf dem besten Wege, Ostfrieslands erste offizielle Boulderhalle zu werden. Bouldern? Genau. Denn Klettern, darüber klärt mich Betreiber Hans Meyerholz bereits nach wenigen Minuten auf, das können wir hier nicht. Der feine Unterschied liegt in der Höhe – und in den damit verbundenen Vorkehrungen. Denn auch Seil, Karabiner und Klettergurt sucht man hier vergebens.

Sicher ist sicher

Das ist bei 4,50 m Höhe auch gar nicht nötig„, versichert Meyerholz, während er mich an den knapp 500 Quadratmetern an seltsam voralpin anmutenden Boulderwänden vorbeiführt. Überzeugt bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht. Meyerholz – von Hause aus Kinderarzt (ein gutes Zeichen?) – scheint das zu merken, denn er schiebt augenzwinkernd nach: „Gerade untrainierten Anfängern passiert meist kaum etwas. Die gehen noch nicht so viele Risiken ein.“ Untrainierte Anfänger? Ich deute den wie nebenbei eingestreuten Terminus als Seitenhieb auf meinen unbefriedigenden sportlichen Zustand – und bemühe mich in den folgenden Minuten umso entschiedener um ein Quäntchen Körperspannung. Und sollte ich doch einmal unverhofft auf dem Hosenboden landen, soll schließlich eine über 30 cm dicke Schaumstoffmatte, die in der gesamten Halle verlegt ist, für eine butterweiche Landung sorgen. Spezielle Schutzkleidung brauche ich hier nicht.

Also mutig ran an eine der insgesamt rund 130 Routen, die in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden in luftige Höhen führen. Ich wähle eine jener weißen Strecken, die für absolute Beginner ausgewiesen sind – schließlich dürfen bereits Kinder in der Auricher Boulderhalle ihr Geschick beweisen – und greife mutig nach dem ersten der zahllosen bunten Griffe. Fühlt sich rau an, muss es auch: schließlich ist ein guter Halt mit Händen und Füßen das A und O, wie „Doc“ Meyerholz erklärt. Wer es noch ein wenig griffiger mag, nutzt vor dem Höhenflug Magnesia. Mit dem mehligen weißen Pulver an den Händen fühle ich mich seltsam in meine Jugend zurückversetzt – und tatsächlich: Irgendwie hat Meyerholz auch etwas von meinem alten Sportlehrer, der gerne verschiedenfarbige Socken trug…

Kraxeln zwischen Kluntje und Käse

Auf eben diesen geht es nun weiter auf der Route, die mich erstaunlich schnell an einen der leichten Überhänge führt. Beim prüfenden Blick nach hinten stelle ich fest, dass ich bereits fast die Hälfte meines „Problems“ hinter mir habe. „Problem“ – so nennt der Boulder-Sportler eine der verschiedenen Routen im künstlichen Fels, der aus der Nähe betrachtet ein wenig an einen Schweizer Käse erinnert. Ein Milchprodukt, dessen beste Tage aufgrund der grauen Farbe allerdings bereits gezählt scheinen. Was von weitem wie eine ungeordnete Ansammlung an merkwürdigen bunten Griffen wirkt, stellt sich dabei schnell als clever gesteckter Parcour heraus.

„Der wird wie die 129 anderen Routen bei uns alle paar Wochen von erfahrenen Profis neu gesteckt, damit Du auch beim nächsten Besuch noch eine neue Herausforderung findest“, ruft mir der Doc von unten zu.

Tatsächlich fühle ich mich langsam für solche neue Aufgaben gewappnet: Fast schon automatisch erkennt nun selbst mein ungeübtes Auge, wo es langgeht. Griff folgt auf Griff, und ehe ich den ersten kleinen drückenden Schmerz in meinen klammernden Zehen spüre, bin ich an der Oberkante des von mir auserkorenen Wandabschnitts angelangt. Vorweg hatte Meyerholz mit einem Paar jener speziellen Kletterschuhe gewedelt, die es im „Kluntje“ – so nennt sich die neue Kletterhalle in Anlehnung an die Form der Felsen, die tatsächlich ein wenig an den berühmten ostfriesischen Kandis erinnern – zu leihen gibt. Ich habe es natürlich besser gewusst und bereue spätestens jetzt ein wenig meine Entscheidung, auf Socken meinen Weg nach oben zu suchen.


Da ich nicht nur beim Bouldern, sondern auch sonst ungern denselben Weg zweimal zurücklege, habe ich mich für eine Route entschieden, bei der ich mich am Ende mit Schwung über die Kante und auf ein kleines Podest hieven muss. Oben angekommen, blicke ich nun ein wenig stolz die zurückgelegten 4,50 m herunter. Gipfelsturm im flachen Land? Läuft bei uns!

Gut zu wissen:

Der Sommer steht in den Startlöchern – wer deshalb lieber draußen klettern gehen möchte, sollte unbedingt auch einmal einen Blick in den Ostfriesischen Kletterwald „Kraxelmaxel“ werfen. Reinschnuppern ins Thema Bouldern kann man zudem in der Erlebnishalle Strandleben in Norddeich, die seit einiger Zeit einen kleinen, aber feinen entsprechenden Bereich bereithält.

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