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Früh aufstehen kann wehtun, vor allem wenn die Nacht kurz war – und alle anderen noch schlafen dürfen. 5.00 Uhr. Müde kämpfe ich mich aus der Decke und ins nahe Bad. Ich habe etwas vor – und eine ganz besondere Verabredung: eine Verabredung im Dunklen – mit Angelika. Ich greife nach meiner Fototasche, werfe einen letzten prüfenden Blick auf Akku und Speicherkarte meiner Kamera und trete hinaus in die Dunkelheit. Morgenwind strömt mir kalt entgegen. Ich fröstele. Schöner wäre es vielleicht dann doch im warmen Bett.

Ehe ich mich versehe, werde ich mit einem herzlich- ostfriesischen „Moin“ aus meiner morgendlichen Lethargie gerissen. Angelika ist da. Unser lang geplanter Ausflug zu völlig ungewohnter Stunde kann jetzt beginnen. Wir greifen uns die Räder und es geht los in Richtung Nordsee, vorbei an vom Mondlicht schwach beleuchteten Lohnen und unheimlichen Schatten auf den Feldern. Unser Ziel: die Leybucht und die grüne Westermarsch. Unsere Mission: Die berühmte blaue Stunde – jener für Fotografen magische Moment zwischen Nacht und Tag, den ich heute unbedingt erleben möchte.

Warum es sich lohnt, den Morgen mit Kamera nicht zu verschlafen

Morgens in Leybuchtsiel: Die Sonne reckt uns schon ihre warmen Töne entgegen. Bild: Angelika Erdmann.

Angekommen verstauen wir unsere Drahtesel in den noch leeren Fahrradständern an der Paddel & Pedal-Station. Langsam wird es Zeit, denn der Himmel verfärbt sich bereits: Die blaue Stunde beginnt. Wir stapfen über die grüne Wiese in Richtung Speicherbecken Leybuchtsiel. Dabei erklärt mir Angelika, worauf es unter diesen besonderen Lichtverhältnissen beim Fotografieren ankommt. Unter den Fotoamateuren ist sie eine echte Expertin. Schließlich ist Angelika schon seit mehr als fünf Jahren in Norden und Ostfriesland mit ihrer heißgeliebten Spiegelreflex unterwegs.

„Bei diesen Lichtverhältnissen musst Du vor allem auf einen sicheren Stand und eine möglichst nicht zu weit geöffnete Blende achten“, erklärt sie, während sie die Beine ihres Stativs am Rande des hölzernen Anlegers auszieht. Eine Blendenzahl zwischen f 8.0 und f 11.0 sorgt dafür, dass weiter entfernte Lichtquellen nicht zu sehr verschwimmen. Trotzdem ist die Blende so noch weit genug geöffnet, dass hinreichend Licht auf den empfindlichen Sensor gelangen kann. Auch ein niedriger ISO-Wert macht Sinn, um ungewünschte Körnungen zu vermeiden. „Die Helligkeit lässt sich in dieser Situation am besten mithilfe der Belichtungszeit steuern“, erklärt Angelika.

Auf die Verschlusszeit kommt es an

Funkauslöser und Stativ sind für gelungene Aufnahmen unter diesen Lichtverhältnissen unverzichtbar.

Wir stehen im Windschatten des Deiches und des alten Sielbauwerks, von wo aus wir einen guten Blick auf das sich anbahnende Spektakel haben werden. Mit wenigen Griffen stellen wir unsere Kameras auf eine günstige Verschlusszeit ein – ein bis zwei Sekunden sind ein guter Anfang – und konzentrieren uns. Schließlich lässt ein leichter blauer Schimmer am Horizont bereits erahnen, was die blaue Stunde (die, wie ich bald feststelle, nicht wirklich eine Stunde dauert) in Ostfriesland so besonders macht. Nirgendwo sonst zaubert die schnelle Abfolge von Wolkenformationen vermutlich ähnlich schöne Eindrücke für das Erinnerungsalbum. Cumuluswolken türmen sich da schon einmal zu gigantischen Fabelwesen auf und verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Das zunehmend kräftiger werdende blaue Licht taucht alles in einen Farbfächer von schwarz bis violett. Wir lassen unsere Finger kaum vom Funkauslöser. Auch dieser war ein besonderer Tipp von Angelika – er soll neben der eingestellten Spiegelvorauslösung für möglichst wenige Wackler sorgen.

Wenn der Tag vorübergeht, überrascht der Norddeicher Hafen mit einem völlig anderen Gesicht. Bild: Angelika Erdmann

Szenenwechsel. Am selben Abend packen wir erneut unsere sieben Sachen und ziehen weiter zum nächsten Anlaufpunkt: Die Westermarsch und der Norddeicher Hafen. Hier erwartet uns eine unglaublich lebendige Hafenkulisse: Da tutet die ablegende Frisia-Fähre, bevor sie in Richtung Insel aufbricht, tuckern Kutter mit der aufkommenden Flut in Richtung offene See und werden Gepäck und Koffer vom angekommenen Zug in Richtung Mole gezogen. Viele kleine Lichter, Strahler und Scheinwerfer schaffen einen fabelhaften, warmtonigen Kontrast zum tiefen Blau des Himmels. Oft schweigen wir nun fasziniert minutenlang, denn wir wollen keine Sekunde dieser besonderen Augenblicke verpassen.

Minütlich wechselt die Lichtstimmung in der blauen Stunde. Bild: Christian Scheffler.

Erfüllt von den Eindrücken lassen wir den Tag bei einer Tasse Ostfriesentee Revue passieren und betrachten staunend unsere Aufnahmen. Eine schöne Erinnerung. Unser Fazit: es hat sich gelohnt, so früh aufzustehen!

Angelikas Tipp:

Verschiedene Apps können dabei helfen, den idealen Zeitpunkt für eine Fotosafari zur blauen Stunde zu finden. Neben dem Ort spielen Wetter und Jahreszeit hierbei eine wichtige Rolle.

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